Unsere Ratgeber

  • 14 Tipps zur Sprachförderung
  • Material und Spiele zur Sprachförderung
  • Ratgeber AVWS für Eltern und Lehrer
  • Richtiger Umgang mit Aphasie und Dysarthrie
  • Richtiger Umgang mit Legasthenie/LRS
  • Richtiger Umgang mit Stottern
  • Sprachförderung bei Hörgeschädigten
  • Sprachförderung bei Mehrsprachigkeit
  • Stimmhygiene für Erwachsene
  • Stimmhygiene für Kinder
  • Tipps: Bücher für Eltern, Betroffene und Angehörige
  • Tipps: Bücher für Lehrer und Erzieher
  • Tipps: Ratgeberreihe vom Schulz-Kirchner Verlag
  • Sprachentwicklungsförderndes Kommunikationsverhalten bei hörgestörten Kindern

    Normalerweise vollzieht sich der Spracherwerb eines Kindes wie von selbst, schnell und mühelos. Ein hörgeschädigtes Kind beginnt jedoch aufgrund seiner Hörbehinderung vielleicht erst verspätet und mit viel mehr Mühe Geräusche, Klänge und Sprache wahrzunehmen und zu erkennen, gesprochene Sprache zu verstehen und selbst zu sprechen. Abgesehen von der Versorgung mit geeigneten Hörhilfen und parallel zu einer etwaigen logopädischen Behandlung können Sie Ihr Kind durch ein angemessenes sprachförderndes Verhalten im Alltag entscheidend beim Sprechenlernen unterstützen.

    Erwachsene verhalten sich kleinen Kindern gegenüber meist intuitiv „sprachfördernd“. Sie passen ihr Sprachniveau und ihre Sprechweise dem Sprachentwicklungsstand des Kindes an und bieten ihm automatisch sprachliche Anreize, die die Entwicklung weiter voranbringen. Im Umgang mit offensichtlich hörbehinderten und mit Hörgeräten versorgten Kindern fühlen sich manche Eltern, Großeltern und Erzieher verständlicherweise unsicher und wissen nicht, ob sie sich auf ihre Intuition verlassen können und ihr normales Sprachverhalten beibehalten oder verändern sollen. In der Regel wollen alle Bezugspersonen im Umfeld des betroffenen Kindes auch ganz gezielt und bewusst Hilfen zur Erleichterung und Verbesserung von Kommunikation und Entwicklung einsetzen. Die folgenden Hinweise bieten Ihnen Anregungen, wie Sie die sprachliche Entwicklung Ihres Kindes fördern und damit auch eine logopädische Behandlung unterstützen können. Bedenken Sie aber, dass bei schwerwiegenden Sprachentwicklungsstörungen sprachförderndes Verhalten allein nicht ausreicht, um den sprachlichen Rückstand aufzuholen und nehmen Sie dann professionelle Hilfe in Anspruch. Schaffen Sie sich auch „Verbündete“ und geben Sie diese Hinweise an Verwandte und Freunde weiter, so dass auch deren Verhalten die Sprechfreude und Sprachentwicklung Ihres Kindes unterstützt.

    Ziehen Sie sich mit Ihrem Kind immer wieder auf Ihre gemeinsame Sprachinsel zurück! Ihr Alltag ist angefüllt mit vielfältigen Aufgaben und Verpflichtungen und auch die Bedürfnisse anderer Familienangehöriger und Ihre Bedürfnisse als Eltern haben ihre Berechtigung. Es ist daher nicht möglich, sich in jeder Situation auf das Kind einzulassen. Sie können in einen bewegten Alltag jedoch kleine Inseln einbauen, in denen die sprachfördernde Kommunikation mit Ihrem Kind im Vordergrund steht. Diese Sprachinseln können durchaus von kurzer Dauer sein. Suchen Sie sich dafür Momente aus, in denen Sie sich mit Ruhe und Gelassenheit ganz Ihrem Kind widmen und auf Ihr eigenes Sprachverhalten achten können. Greifen Sie sich zunächst aus der Vielfalt der Anregungen nur einen oder wenige Punkte heraus, die Sie im Umgang mit Ihrem Kind umsetzen möchten. Gelingt Ihnen das, können Sie weitere Anregungen aufgreifen und umsetzen.

    Folgen Sie den Interessen und der Aufmerksamkeit Ihres Kindes! Die Bedingung, Ihrem Kind Sprache anzubieten, ist dann optimal, wenn Ihre Aufmerksamkeit und die des Kindes auf denselben Sachverhalt oder Gegenstand gerichtet sind und sie sich mit derselben Sache beschäftigen. Womit sich Ihr Kind gerade beschäftigt, erkennen Sie meist gut an der Blickwendung bzw. –richtung.

    Machen Sie Ihr Kind auf Geräusche und Klänge im Alltag aufmerksam. Zeigen Sie Ihrem Kind dabei, wo die Geräusche herkommen. Benennen Sie die Geräusche und die sie hervorbringenden Gegenstände und ahmen Sie sie mit einer Lautmalerei nach, z.B. „Horch, das ist der Zug, tsch-tsch-tsch, der Zug fährt los. Beim Fahren macht der Zug tsch-tsch-tsch, hörst du?“

    Schränken Sie störende Hintergrundgeräusche während eines Gesprächs möglichst ein oder schalten Sie sie ganz aus. Dazu gehören z.B. Straßenlärm bei geöffnetem Fenster, (Auto)Radio, Stereoanlage, Fernseh- und Videogeräte, Haushaltsgeräte, Spielplatzgeräusche etc. Das Hören und Verstehen ist für Ihr Kind auch ohne Nebengeräusch anstrengend genug. Sollte dies nicht möglich sein, wenden Sie sich direkt an Ihr Kind, gehen Sie zu ihm hin oder rufen Sie es zu sich, wenn Sie mit ihm sprechen möchten. Achten Sie dabei auf einen guten Blickkontakt beim Sprechen und vergewissern Sie sich seiner Aufmerksamkeit und Zuhörbereitschaft. Hochgradig schwerhörige Kinder hören bei der ersten Ansprache meist nur, dass sie angesprochen wurden, verstehen jedoch den Inhalt noch nicht. Wiederholen Sie deshalb wichtige Inhalte, wenn Sie nicht sicher sind, ob Ihr Kind sie verstanden hat. Nicht verstandene Worte sollten möglichst immer im Satzzusammenhang wiederholt werden.

    Das Erlernen der Muttersprache vollzieht sich nicht wie das Vokabeln lernen einer Fremdsprache. Kinder lernen neue Wörter und grammatische Regeln nicht isoliert, sondern immer im Satz- und Sinnzusammenhang. Versuchen Sie daher, einzelne Wörter mit Sprache zu „umkreisen“. Statt nur auf eine Ente zu deuten und „Ente“ zu sagen, können Sie eine kleine Geschichte daraus machen. „Guck mal, eine Ente, eine gelbe Ente. Was macht die Ente denn da? Genau, die Ente schwimmt. Was meinst du, wo schwimmt die Ente wohl hin?“ Durch dieses Sprachmodell kann Ihr Kind sein Sprachverständnis erweitern und Bausteine für die eigene Sprachproduktion herausfiltern.

    Ermahnen Sie Ihr Kind nicht zum „langsamen“, „ordentlichen“ oder „schönen“ Sprechen! Nehmen Sie die Sprechversuche Ihres Kindes an, auch wenn sie noch nicht perfekt sind. Fehler beim Sprechen sind Ausdruck eines „Nicht-Könnens“, nicht böse Absicht, Faulheit oder Mutwille. Schenken Sie der Person Ihres Kindes und nicht einer fehlerhaften Sprache vermehrte Aufmerksamkeit. Lassen Sie Ihrem Kind eine sprachliche Schwäche nicht durch Kritisieren, Korrigieren oder gar Bestrafen bewusst werden. Ständige Misserfolgserlebnisse erzeugen Sprechdruck, nehmen die Freude am Sprechen und können sogar Angst vor dem Sprechen auslösen. Loben Sie Ihr Kind, wenn es etwas gut gehört oder gesagt hat, aber belohnen Sie es dafür nicht mit Geschenken oder Süßigkeiten.

    Wiederholen Sie fehlerhafte Äußerungen Ihres Kindes in richtiger Form ohne Ihr Kind dabei zum Nachsprechen aufzufordern. Formen Sie dabei die Äußerungen des Kindes um und ergänzen Sie sie. Ein wortwörtliches Imitieren irritiert und ermüdet die Kinder gelegentlich.

    Ihr Kind spricht ein Wort falsch aus – Bieten Sie ihm die richtige Aussprache nochmals an.
    Kind: Eine Dabel, bitte !
    Reaktion: Du willst eine Gabel? Hier hast du die Gabel.

    Ihr Kind verwendet einen falschen Begriff – Bieten Sie ihm den passenden Begriff nochmals an.
    Kind: Da ist ein Pferd. (zeigt aber auf einen Esel)
    Reaktion: Ja, der Esel sieht so ähnlich aus wie ein Pferd. Schau, er hat aber ein graues Fell und macht I-A. Das ist ein Esel
    .

    Ihr Kind hat einen falschen Satzbau – Bieten Sie den Satz nochmals in der richtigen Form an.
    Kind: Schau, Pferd springen kann.
    Reaktion: Ja, das Pferd kann über den Zaun springen. Das Pferd springt aber hoch.

    Durch diese Form der so genannten verbesserten Wiederholung bestätigen Sie die Aussage Ihres Kindes und zeigen ihm Ihre Aufmerksamkeit. Dabei hört Ihr Kind immer wieder die richtige sprachliche Form und kann sich Laute, Wörter und Sätze besser einprägen. Ihr Kind kann selbst entscheiden, ob es die richtige Äußerung nochmals aufgreift und für sich wiederholt. So bekommt Ihr Kind nicht das Gefühl, ständig verbessert zu werden und behält seine Freude am Sprechen.

    Seien Sie ein aufmerksamer Zuhörer und zeigen Sie Interesse am Gespräch mit Ihrem Kind. Versuchen Sie, eine ruhige Gesprächsatmosphäre zu schaffen, lassen Sie Ihrem Kind Zeit zum Sprechen und unterbrechen Sie es nicht.

    Suchen Sie beim Sprechen Blickkontakt mit Ihrem Kind. So ist es sich Ihrer Aufmerksamkeit sicher und kann Ihre Mundbewegungen beim Sprechen absehen, wenn es dies möchte. Das Lippenlesen unterstützt das Hörverstehen erheblich.

    Erleichtern Sie Ihrem Kind das Aufnehmen von Sprache, indem Sie langsam, deutlich und in einfachen Sätzen sprechen. Benutzen Sie dabei aber keine „Roboter- oder Babysprache“. Sprechen Sie Ihr Kind trotz der Hörstörung ganz natürlich und in normaler Lautstärke an. Unterstreichen Sie Ihre Äußerungen mit Mimik und Gestik und einer angemessenen natürlichen Sprechmelodie. Sie müssen auch nicht Hochdeutsch reden, der Dialekt gehorcht denselben Regeln wie die Hochsprache.

    Ermuntern Sie Ihr Kind zum Erzählen und Fragen, aber verlangen Sie nicht, dass es sein sprachliches Können unter Beweis stellt. Gemeinsames Erzählen macht mehr Spaß als Abfragen oder Nachsprechen. Geben Sie Ihrem Kind auch die Gelegenheit für sich selbst zu sprechen. Sprechen Sie nicht für Ihr Kind und nehmen Sie nichts vorweg. Es ist wichtig, dass Ihr Kind eine Notwendigkeit sieht zu sprechen.

    Beteiligen Sie Ihr Kind an häuslichen Tätigkeiten und alltäglichen Handlungsabläufen (wie Einkaufen, Kochen und Backen, Tisch decken) und ermöglichen Sie Ihm selbständiges Handeln. Nur durch eigenes Handeln kann Ihr Kind Erfahrungen mit der Umwelt machen. Und mit dem Verständnis für die Dinge seiner Umwelt entwickelt sich das Verständnis für die Sprache. Gegenstände und Handlungen werden mit allen Sinnen „be-griffen“. Ihr Kind bekommt die Möglichkeit, Sprache zu verstehen und nachzuahmen, wenn Sie während ihres gemeinsamen Tagesablaufes Gegenstände, Situationen und Gefühle, mit denen Ihr Kind in Berührung kommt, benennen und beschreiben.

    Ein hörbehindertes Kind ist lange Zeit nicht in der Lage, selbständig das, was es erlebt, in eigenen Worten wiederzugeben. Gestalten Sie deshalb gemeinsam mit Ihrem Kind ein persönliches Erlebnistagebuch, in welches Sie zu ganz alltäglichen Erlebnissen, Erfahrungen, Ereignissen, Spielsituationen oder Gesprächen Fotos kleben, Bilder malen und einfache Kommentare oder auch Ausrufe in Sprechblasen schreiben. So können Erlebnisse und Gespräche, Erfahrungen und Gefühle festgehalten und immer wieder aufs Neue gemeinsam durchlebt und erzählt werden. Die wiederkehrenden Wörter und Sätze unterstützen Ihr Kind beim Sprechenlernen, beim Erzählen wie auch beim Verstehen und Führen von Gesprächen. Ein solches Erlebnisbuch kann Ihnen und anderen Bezugspersonen helfen, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen; es erleichtert aber auch Ihrem Kind die Kontaktaufnahme und Kommunikation mit anderen Menschen.

    Akzeptieren Sie, wenn Ihr Kind sich auch einmal aus dem Gespräch zurückzieht und vielleicht sogar bewusst seine Hörgeräte abnimmt oder abstellt. Hören und Verstehen bereiten Ihrem Kind größere Mühe und kosten es mehr Energie als dies bei einem normal hörenden Kind der Fall ist. Gönnen Sie Ihrem Kind auch einmal eine Pause machen und lassen Sie es sich erholen!

    Eine verlässliche Umwelt, ein geregelter Tagesablauf und feste Bezugspersonen bieten Ihrem Kind einen sicheren Rahmen zum Erlernen der Sprache. Ihre Zuwendung ist wichtiger als zahlreiches und teures Spielzeug.

    Vermeiden Sie zu hohen Fernsehkonsum. Eine Unmenge an Reizen prasselt heutzutage viel zu schnell auf Ihr Kind ein, ohne dass eine wirkliche Kommunikation stattfindet. Die „Welt aus der Konserve“ kann eigene Erfahrungen mit der Umwelt nie ersetzen.

    Der Kindergartenbesuch ist unbedingt zu empfehlen. Er unterstützt den Kontakt zu Gleichaltrigen und die Erziehung zur Selbständigkeit und bietet vielfältige sprachliche Anregungen.