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  • Mein Kind fängt an zu stottern

    Stottern – was ist das?
    Stottern ist eine Unterbrechung des Redeflusses. Es äußert sich in:

    Manche Stotterer zeigen auch Mitbewegungen der Augen, der Beine oder anderer Körperteile. Stottern ist in verschiedenen Situationen unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Störung tritt so individuell in Erscheinung wie die Menschen verschieden sind.

    Manifestiertes Stottern ist jedoch nicht gleichzusetzen mit den sogenannten physiologischen Unflüssigkeiten, die ca. 80 % aller Kinder im Rahmen der Sprachentwicklung zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr mehr oder weniger stark ausgeprägt zeigen. Diese Unflüssigkeiten sind ein Ausdruck davon, dass das Kind die fein differenzierten Bewegungsmuster, die zur Artikulation gebraucht werden, das richtige Satzmuster oder die passenden Wörter noch nicht auf Anhieb findet. So kann es dazu kommen, dass ein Kind zur Überbrückung Wörter oder ganze Satzteile wiederholt oder stille Pausen macht. Reagiert die Umwelt nicht negativ darauf, verschwinden diese Entwicklungsunflüssigkeiten bei ¾ dieser Kinder von selbst wieder.

    Gibt es eine Ursache für das Stottern?
    Auf eine eindeutige Ursache kann das Stottern nicht zurückgeführt werden. Wissenschaftlich nachgewiesen wurde jedoch eine genetische Veranlagung zum Stottern, die über die Generationen weitervererbt wird. Der letztendliche Auslöser für das Stottern ist absolut variabel und individuell und setzt sich meist aus einem komplexen Bedingungsgefüge aus körperlichen, psychischen, sozialen und sprachlichen Faktoren zusammen.

    Warum schadet Druck?
    “Druck” – in welcher Form auch immer – ist zwar nicht die Ursache des Stotterns, kann aber beginnendes Stottern verstärken. Darum ist es wichtig, vorhandene Drucksituationen im Alltag zu erkennen, um sie systematisch Stück für Stück abzubauen, so dass sich das Stottern nicht verfestigt.

    Wie entsteht Druck?
    Sprechdrucksituationen entstehen häufig durch gutgemeinte Sprechkorrekturen und Ratschläge von Seiten der Bezugspersonen – Lass dir Zeit! Sag’s noch mal langsam! Hol noch mal tief Luft! Sie reagieren damit jedoch nicht mehr auf den Inhalt des Erzählten, sondern nur noch auf die äußere Form. Dadurch werden Ihrem Kind ständig seine formell “falschen” Sprechversuche bewusst gemacht. Bei dem Versuch die “Fehler” zu überwinden, steigt die Anspannung, die Sprechanstrengung und somit auch die Stottersymptomatik und später das Vermeideverhalten.

    Aber auch unausgesprochene oder beschönigte Ängste und Unsicherheiten bzgl. des Stotterns werden von Kindern mit feinen Antennen wahrgenommen. Um den Eltern keine Sorgen zu bereiten, ihnen zu gefallen, ihrem Wunschbild und ihrem Selbstbild zu entsprechen, versuchen die Kinder unbewusst, ihr Sprechen zu verändern, die Sprechanstrengung steigt und damit wiederum das Stottern. Ein Teufelskreislauf!

    Wie können Sie Drucksituationen vermeiden oder verringern?
    Enttabuisieren Sie das Thema “Stottern”, signalisieren Sie dem Kind Ihre Akzeptanz gegenüber dem Stottern. Senken Sie den Anspruch an das Kind, perfekt sprechen zu müssen. Es erfordert von Ihnen viel Mut und Gelassenheit, die Überwindung der eigenen Angst, Sorge und Unsicherheit, dem Stottern Raum zu geben. Dadurch bewirken Sie aber eine enorme Entlastung für sich und Ihr Kind und schaffen zuhause und im Rahmen einer Therapie eine optimale Basis für ein effektives Arbeiten an der Symptomatik.

    1. Reduzieren Sie Ihre Fragen!
    Fragen lösen Sprechdruck aus. Weniger fragen bedeutet jedoch nicht, die Unterhaltung zu reduzieren. Ersetzen Sie die Fragen durch andere Äußerungen (Feststellung, Bitte, Vermutung).

    z.B. ungünstig: “Möchtest du mit diesen Sachen spielen?” günstig: “Ich habe einige Sachen auf den Tisch gelegt, vielleicht möchtest du damit spielen.”

    z.B. ungünstig: “Hast du deine Hände gewaschen?” günstig: “Komm bitte nicht mit ungewaschenen Händen zum Essen.”

    2. Vermeiden Sie die Situationen, in denen Ihr Kind zum Sprechen aufgefordert wird!
    Dazu gehören z.B. Gesellschaftsspiele, bei denen es um schnelle Antworten geht oder d er Besuch bei der Oma mit dem obligatorischen “Sag Guten Tag!” oder “Sing mal das neue Lied vor!”. Fordern Sie selbst Ihr Kind nicht zum Nachsprechen oder Vortragen von Erzählungen auf. Nehmen Sie Ihrem Kind das Wort aber auch nicht aus dem Mund, wenn es etwas erzählen will; sprechen Sie die Wörter oder Sätze nicht schnell für das Kind zu Ende.

    3. Unterbrechen Sie Ihr Kind nicht!
    Jede Unterbrechung bedeutet für das Kind, mit seiner Erzählung noch einmal von vorne beginnen zu müssen. Das frustriert, nimmt die Lust am Erzählen und baut Spannung auf, die die Symptome verstärken kann.

    4. Schenken Sie Ihrem Kind besondere Aufmerksamkeit!
    4.1. Hören Sie aktiv zu:

    - Nehmen Sie sich Zeit geduldig zuzuhören und begeben Sie sich dabei auf die Ebene des Kindes in Augenhöhe.

    - Achten Sie mehr auf den Inhalt und weniger auf die äußere Form des Gesagten

    - Halten Sie den Blickkontakt. Dies gibt dem Kind die Sicherheit, dass seine Botschaft trotz seiner Unflüssigkeiten angekommen ist. Den Blick abwenden verunsichert meist zusätzlich und der Stotterer bekommt noch stärker das Gefühl das irgendetwas nicht stimmt, oder die Akzeptanz des Gesprächspartners fehlt.

    4.2. Hören Sie selektiv zu:
    Nicht alles Gesagte hat den gleichen Wichtigkeitsgehalt. Versuchen Sie sich für die Signale Ihres Kindes zu sensibilisieren, die es aussendet, wenn es etwas Wichtiges sagen möchte (z.B. an Kleidern ziehen, gehobene Stimme, verstärktes Stottern).

    4.3. Verhindern Sie kommunikative Wettbewerbe:
    Ihr Kind kann jederzeit in einen kommunikativen Wettbewerb geraten (z.B. wenn sich gleichzeitig mehrere Personen unterhalten; wenn ein Geschwisterkind sprachlich sehr gewandt und von der Persönlichkeit her eher dominant ist). Achten Sie darauf, dass Ihr stotterndes Kind genügend Zeit, Gelegenheit und Aufmerksamkeit bekommt, um sich auch in lebhafte Diskussion einbringen zu können (z.B. durch Sprechpausen; indem Sie dem stotternden Kind den Vortritt beim Sprechen lassen).

    Die Tatsache, dass Sie Ihrem Kind vorübergehend eine Art sprachlichen “Schonraum” schaffen, bedeutet aber nicht, dass für das stotternde Kind plötzlich keine Grenzen und Regeln mehr gelten. Trennen Sie Erziehung und Sprache voneinander! Das Beibehalten bzw. Durchsetzen von Regeln und Grenzen wird zwar voraussichtlich immer wieder Drucksituationen entstehen lassen, in denen auch das Stottern stärker auftritt. Wenn Sie in diesen Situationen aber sprachlich wie oben beschrieben auf das Stottern reagieren, können Sie die Situation entschärfen und trotzdem Ihren Erziehungszielen treu bleiben. Wenn Sie sich konsequent so verhalten, vermeiden Sie auch, dass Ihr Kind womöglich lernt, sein Stottern ganz bewusst einzusetzen, um seinen Willen durchzusetzen.

    Weiterführende Literatur

    Irwin, Mein Kind fängt an zu stottern – Ein Selbsthilfeprogramm für Eltern
    Trias Verlag, 1990

    Hansen & C. Iven, Stottern bei Kindern
    Schulz Kirchner Verlag, 2004

    Brügge & K. Mohs, Wenn ein Kind anfängt zu stottern
    Ernst Reinhardt Verlag, 2006

    Schindler, Stottern und Schule – Ein Ratgeber für Lehrerinnen und Lehrer
    Demosthenes Verlag, 2001

    R. Heap (Hrsg.), Meine Worte hüpfen wie ein Vogel – Kinder malen ihr Stottern
    Demosthenes Verlag, 2005