Kinder und Jugendliche

  • Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung
  • Aufmerksamkeitsstörung AD(H)S
  • Autismus
  • Hörstörungen
  • Lese-Rechtschreibstörung / Legasthenie
  • Mutismus
  • Myofunktionelle Störung
  • Rechenstörung / Dyskalkulie
  • Redeflussstörungen
  • Sprachentwicklungsstörungen
  • Sprechstörungen
  • Störungen der Stimme und des Stimmklangs
  • Lese-Rechtschreibstörung / Legasthenie

    Mit dem Begriff Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) oder Lese-Rechtschreibschwäche wird eine spezielle entwicklungs- bzw. anlagebedingte Lernstörung bezeichnet, die durch deutlich ausgeprägte und lang andauernde Schwierigkeiten beim Erlernen der Kulturtechniken des Lesens und / oder des Rechtschreibens gekennzeichnet ist. Trotz regelmäßigen Schulbesuchs und ausreichender schulischer Lernanregung, trotz normaler Intelligenz und mündlicher Beherrschung der deutschen Sprache sind die betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht in der Lage, ausreichend Lesen und Schreiben zu lernen.

    Störungen innerhalb des Schriftspracherwerbs werden bereits seit über einem Jahrhundert von verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen erforscht. Innerhalb dieser Zeit wurde das Phänomen der Legasthenie immer wieder mit wechselnden Definitionen und Begrifflichkeiten belegt. Die Begriffe Legasthenie und Lese-Rechtschreibstörung bedeuten inhaltlich das gleiche und meinen eine in der frühen Entwicklung oder als Anlage mitgebrachte andauernde Lernstörung des Lesens und/oder Rechtschreibens. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist heute allerdings seltener von Legasthenie als von Lese-Rechtschreibstörung die Rede. In einigen Fällen spricht man auch von Lese-Rechtschreibschwäche; dies geschieht immer dann, wenn die Probleme beim Erlernen des Lesens und Schreibens vorrangig auf äußere Einflussfaktoren wie z.B. längerer Schulausfall, häufiger Schulwechsel, familiäre Konflikte o.ä., zurückzuführen und voraussichtlich vorübergehender Art sind. Die Legasthenie wird auch als Teilleistungsstörung oder -schwäche bezeichnet, da nur bestimmte Lern- und Leistungsbereiche, in diesem Fall das Lesen und Schreiben, beeinträchtigt sind. In Anlehnung an die angloamerikanische Nomenklatur spricht man heute manchmal auch von einer Entwicklungsdyslexie oder -dysgraphie.

    Eine Legasthenie führt dazu, dass die Buchstaben-Laut-Zuordnung nur langsam und fehlerhaft gelernt wird, so dass es häufig zu Verwechslungen lautlich oder graphisch ähnlicher Buchstaben kommt, Buchstaben beim Lesen oder Schreiben ausgelassen, hinzugefügt oder ersetzt werden. Das Zusammenziehen von Einzellauten zu Wörtern wie auch das Buchstabieren bereiten teilweise große Schwierigkeiten, insbesondere bei längeren Wörtern. Sowohl beim Abschreiben, bei Diktaten als auch beim freien Schreiben kommt es zu einer übermäßig hohen Zahl von Rechtschreibfehlern. Das Lesetempo ist herabgesetzt, die Lesegenauigkeit eingeschränkt und der Sinn des Gelesenen wird oft nur bruchstückhaft oder gar nicht erfasst. Spätestens ab der fünften Klasse machen sich die Defizite in der Schriftsprache auch in anderen Fächern bemerkbar, z.B. beim Bearbeiten von Textaufgaben im Mathematikunterricht, beim Verstehen von Sachtexten im Deutsch- oder Sachunterricht sowie beim schriftlichen Formulieren von Antworten oder Aufsätzen. Häufig bereitete der Erwerb von Fremdsprachen große Probleme. Nicht selten führen die ständigen Misserfolgserlebnisse im Lesen und Schreiben zu zusätzlichen seelischen Belastungen, die sich in Angst und vermindertem Selbstwertgefühl, Rückzug oder provozierendem Verhalten, Aggressivität oder körperlicher Unruhe ausdrücken können. In einigen Fällen drücken sich solche seelischen Belastungen auch in Form von körperlichen Symptomen aus. So kann es z.B. zu Bauchweh, Kopfschmerzen, Erbrechen, Einnässen und / oder Schlafstörungen kommen. Die veränderte Lernsituation und der damit einhergehende Teufelskreis an Folgeproblemen sind nicht nur für das betroffene Kind extrem belastend, sondern beeinträchtigen häufig das gesamte Familieleben.

    Heute geht man davon aus, dass der Legasthenie keine einzelne Ursache zugrunde liegt, sondern verschiedene Faktoren in unterschiedlicher Gewichtung zusammenwirken und so bei jedem Betroffenen ein individuelles Störungsprofil entsteht. Neben organischen Gegebenheiten (z.B. Seh- oder Hörstörungen) und Störungen der visuellen (das Sehen betreffend) und / oder auditiven (das Hören betreffend) Wahrnehmung und Informationsverarbeitung spielen genetische Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und Ausprägung einer Lese-Rechtschreibstörung. Aber auch äußere Faktoren wie z.B. die schulische und familiäre Situation, Unterrichts- und Erziehungsstile beeinflussen die schriftsprachliche Entwicklung bzw. die Ausprägung einer Legasthenie. Um althergebrachten Vorurteilen entgegen zu wirken, sei hier explizit darauf hingewiesen, dass eine Lese-Rechtschreibstörung niemals durch Faulheit oder Dummheit entsteht und kein Anzeichen für eine psychische Erkrankung ist! Aus logopädischer Sicht gelten Kinder, die im Vorschulalter eine Sprachentwicklungsstörung, insbesondere mit einer phonologischen Störung aufweisen, als Risikokinder für das Auftreten einer Legasthenie. Nicht jedes sprachentwicklungsgestörte Kind muss jedoch Probleme beim Schriftspracherwerb bekommen! Häufig gehen auch ein Aufmerksamkeitsstörung AD(H)S, eine Rechenstörung (Dyskalkulie) oder eine auditive oder visuelle Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) mit einer Legasthenie einher.

    Das Vorliegen einer Legasthenie wird von einem Kinder- und Jugendpsychiater oder einem psychologischen Psychotherapeuten festgestellt. Dazu werden neben einem standardisierten Lese-Rechtschreibtest und einem Intelligenztest auch eine neurologische und ggf. internistische Untersuchung inklusive Seh- und Hörtest und Überprüfung der Motorik sowie eine Beurteilung der Emotionalität, der Persönlichkeit und des Verhaltens des Kindes durchgeführt. Eine Lese- und Rechtschreibstörung liegt dann vor, wenn die Lese- und Rechtschreibleistung deutlich geringer ist als die Lese- und Rechtschreibfähigkeit, die aufgrund der Intelligenz des Kindes zu erwarten wäre. In bestimmten Fällen kann das betroffene Kind durch ein entsprechendes ärztliches Attest in der Schule von der Benotung der Rechtschreibleistungen freigestellt werden. Dieser Notenschutz führt zunächst zu einer deutlichen emotionalen Entlastung der Familie. Trotz des Notenschutzes sollte allerdings die Lese-Rechtschreibförderung nicht vernachlässigt werden.

    Wer eine Lese-Rechtschreibstörung schließlich professionell behandeln lassen möchte, sieht sich mit einer schier unüberschaubaren Vielzahl unterschiedlicher Therapiemethoden und Fördermaßnahmen konfrontiert. Leider gibt es bis heute keine einheitliche Ausbildung und auch der Begriff des “Legasthenietherapeuten” ist nicht gesetzlich geschützt. Es besteht die Möglichkeit eine Therapie bei einem Psychologen, einem zertifizierten Lern- bzw. Legasthenietherapeuten oder bei einem privaten Lerninstitut in Anspruch zu nehmen. In Kooperation mit den örtlichen Jugendämtern können wir die Behandlung einer Lese-Rechtschreibstörung im Rahmen der wirtschaftlichen Jugendhilfe (Eingliederungshilfe für seelisch Behinderte gem. § 35 a SGB VIII) durchführen und abrechnen. Dazu müssen Sie nach erfolgter kinder- und jugendpsychiatrischer Diagnostik einen Antrag zur Kostenübernahme bei dem für Sie zuständigen Jugendamt einreichen. Die dazu nötigen Unterlagen erhalten Sie auf Anfrage beim Jugendamt. Den therapeutischen Behandlungsplan erhalten Sie auf Anfrage kostenlos von uns. Nach Zusage der Kostenübernahme der Legasthenietherapie durch das Jugendamt, kann die Behandlung umgehend begonnen werden, sofern ein freier Therapieplatz zur Verfügung steht. Die Behandlungskosten für die Therapie einer Lese-Rechtschreibschwäche wird meist nicht vom Jugendamt übernommen, sondern muss von Ihnen als Eltern privat getragen werden.

    Landratsamt Augsburg, Amt für Jugend und Familie, Wirtschaftliche Jugendhilfe, Prinzregentenplatz 4, 86150 Augsburg, Te: (0821) 3102-2

    Stadt Augsburg, Amt für Kinder, Jugend und Familie, Jugendhilfe, Volkhartstr. 4-6, 86150 Augsburg, Tel: (0821) 324 – 2930

    Im Leistungskatalog der Krankenkassen ist eine Legasthenitherapie nicht als Kassenleistung von Logopäden aufgeführt, da die Legasthenie vom Gesetzgeber nach wie vor nicht als medizinische sondern als psychisch-seelische Störung klassifiziert wird. Da eine Lese-Rechtschreibstörung jedoch häufig als Spätfolge einer Sprachentwicklungsstörung oder im Rahmen einer auditiven Wahrnehmungsstörung auftritt, bieten wir in diesen Fällen eine logopädische Behandlung an, wenn der zuständige Arzt die Behandlungsbedürftigkeit fest- und ein Rezept ausstellt.

    Nach einer eingehenden Diagnostik der sprachlichen Fähigkeiten, der Hörverarbeitung sowie einer genauen qualitativen Fehleranalyse der Lese- und Rechtschreibfehler erstellen wir einen individuellen störungsspezifischen Therapieplan, der die Grundlage der Behandlung darstellt. Zur Erarbeitung, Verbesserung und Automatisierung verschiedenster Fähigkeiten bzw. Teilprozesse des Lesens und Schreibens (z.B. der phonologischen Bewusstheit, der alphabetischen Strategie, des orthographischen Regelwissens über Rechtschreibregeln) greifen wir auf geeignete Übungen und Techniken aus verschiedenen symptomorientierten und strategiegeleiteten Therapieprogrammen zurück:

    Ergänzend setzen wir diverse computergestützte Therapieprogramme (z.B. Cesar Lesen, Cesar Schreiben, Elfe, Uniwort, Morpheus, Phonit, Lesikus, Der neue Karolus) ein, die unserer Erfahrung nach einen sehr positiven Effekt auf die Therapiemotivation und Leistungsbereitschaft haben und helfen, erarbeitete Regeln und Strategien zu automatisieren. Sollte die Diagnostik einen entsprechenden Befund ergeben haben, führen wir vorbereitend bzw. parallel zum symptomspezifischen Lese-Rechtschreibtraining auch eine Therapie der basalen Wahrnehmungsfunktion der auditiven und/oder visuellen Verarbeitung und Wahrnehmung durch. Ebenso führen wir die Behandlung der häufig parallel auftretenden Aufmerksamkeitsstörung (AD(H)S) oder Rechenstörung (Dyskalkulie) durch.

    Nähere Informationen dazu finden Sie auch im Internet unter www.bvl-legasthenie.de oder im Ratgeber “Lese-Rechtschreibstörung (LRS)” von K. Kamke im Schulz-Kirchner-Verlag.